VÖ 31: Digitale Archive - ein neues Paradigma?

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Andreas Metzing (Hrsg.)

Digitale Archive - Ein neues Paradigma?

Beiträge des 4. Archivwissenschaftlichen
Kolloquiums der Archivschule Marburg

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Vorwort

Von Angelika Menne-Haritz

Dieser Band stellt die Beiträge des Kolloquiums zusammen, das die Archivschule Marburg anlässlich ihres 50-jährigen Bestehens in Marburg 1999 veranstaltet hat. 50 Jahre Archivarsausbildung können auf eine noch längere
Tradition vor dem Zweiten Weltkrieg zurückblicken. Doch stand im Zentrum der Jubiläumsfeierlichkeiten nicht die Vergangenheit, sondern die Zukunft des archivarischen Berufs, der in der jetzigen Zeit eine seiner tiefgreifendsten Wandlungen durchlebt. Die modernen Informations- und Kommunikationstechnologien verändern Zweck und Form von Schriftlichkeit, die bisher selbstverständlich und unhinterfragte Basis des Berufs waren. Die Ausbildung muss sich mit diesen Entwicklungen auseinandersetzen und ihre Konzepte auf die neuen Qualifikationsanforderungen einstellen. Deshalb hat die Archivschule Marburg das Jubiläum zum Anlass genommen, einige Experten aus anderen Disziplinen einzuladen und sie gebeten, aus ihrer Sicht Aspekte der anstehenden Entwicklungen zu erläutern. Dabei ist ein vielfältiges Panorama entstanden, das die Konturen der zukünftigen digitalen Archive deutlicher macht.

Die Archivschule Marburg in den letzten 50 Jahren

Mit einer erstaunlichen Selbstverständlichkeit wurde 1946 bereits wieder in den Westzonen über die Einrichtung einer gemeinsamen Archivarsausbildung nachgedacht. Am 1. April 1949 nahm die Archivschule Marburg ihre Arbeit
mit dem ersten Referendarlehrgang auf und am 2. Juni 1949 wurde sie offiziell durch den damaligen hessischen Kultusminister Erwin Stein im Beisein prominenter Vertreter des Archivwesens aus der Vorkriegszeit und aus anderen europäischen Ländern eröffnet. So gehörte Ernst Posner, der 1935 von seinem Posten als Vertreter des Generaldirektors der Preußischen Staatsarchive entlassen worden war, nach Amerika emigrierte und dort eine neue Form der Archivarsausbildung einführte, zu den Gästen.
Auf den soliden Grundlagen ihrer Anfänge entwickelte sich die Archivschule und erlebte Höhen und Tiefen. Das Schicksal einer zentralen Ausbildungseinrichtung, deren Besuch verpflichtend ist, blieb ihr nicht erspart. Sie überstand
Zeiten massiver, fundamentaler und zum Teil persönlicher Kritik, allerdings etwa zehn Jahre später als an den Universitäten. Doch sie hat auch aus diesen Erfahrungen lernen können und ging eher gestärkt daraus hervor.
Eine ihrer Stärken ist die Form ihrer Ausbildung, die für eine hohe Intensität und Effizienz sorgt. Anderthalb Jahre an der Archivschule Marburg bedeuten 70 Wochen mit jeweils 20 Stunden Lehrveranstaltungen in kleinen Gruppen, in denen man sich gut kennenlernt und auch außerhalb der Lehrveranstaltungen viel miteinander unternimmt und arbeitet. Die Dozenten haben die große Chance, dass sie die Teilnehmer ihrer Veranstaltungen kennen und wissen, wo sie Unterstützung geben müssen. Sie können Schwerpunkte ihrer Veranstaltungen mit den Kursen zusammen nach deren Interessen ausbauen und am Ende jedes Trimesters die Inhalte der folgenden Veranstaltungen miteinander abstimmen.

Diese Form der Ausbildung stellt hohe Anforderungen an die Dozenten, gibt ihnen aber auch sehr viel Rückmeldungen über Erfolge ihrer Bemühungen. Evaluation ist so eine ständige Begleitung ihrer Aktivitäten. Der Satz:  „Wer lehrt, lernt,"  gilt in besonderem Maße in dieser Einrichtung, der einzigen in Deutschland, in der promovierte Universitätsabsolventen eine weitere wissenschaftliche uno auf eine Berufstätigkeit vorbereitende Ausbildung erhalten.
Bereits seit 1950 nutzten die Bundesländer und der Bund die Archivschule Marburg ebenfalls für die Ausbildung der Archivarinnen und Archivare des gehobenen Dienstes. Seit Inkrafttreten des Verwaltungsfachhochschulgesetzes 1980 bietet die Archivschule Marburg bundesweit den 18-monatigen theoretischen Teil des insgesamt dreijährigen Fachhochschulstudiums einschließlich einer abschließenden Zwischenprüfung an.
In dieser seit Beginn der Tätigkeit der Archivschule Marburg wenig veränderten Struktur hat sie in den 50 Jahren ihrer Arbeit ein Fundament für eine moderne Archivwissenschaft gelegt. In den Händen von Johannes Papritz nahm das Fach endgültig den Weg zu einer Wissenschaft mit eigenem Theorie- und Methodengebäude. Seine Typenbildung anhand der Beobachtung früherer Schriftgutformen in einer Strukturlehre des Verwaltungsschriftguts legte den Grund für die fachliche Methodik ihrer Bearbeitung. Damit löste sich die Archivwissenschaft von der an den Inhalten interessierten wissenschaftlich- historischen Auswertung von Archivgut und formulierte den neutralen Standpunkt archivarischer Fachkompetenz, der sich gerade heute im Zuge der Einführung elektronischer Instrumente in der Verwaltung als eine solide Grundlage für die Entwicklung von modernen Konzepten erweist.

1963 wurde in der Archivschule Marburg das Institut für Archivwissenschaft eingerichtet und ihr gleichzeitig damit der Auftrag zur archivwissenschaftlichen Forschung erteilt. Sie begann damals mit Untersuchungen und Kolloquien
im Bereich der Bestandserhaltung und war sozusagen Taufpate der Internationalen Vereinigung der Restauratoren (IADA). Später kamen Kolloquien zu Fragen des Archivrechtes, der Ausbildung und der Informationstechnologie hinzu. Inzwischen hat sie mehrere Projekte mit Drittmittelförderungen durch die VW-Stiftung und die DFG durchgeführt, wobei der Praxisbezug und die Anwendbarkeit der Ergebnisse auch in kleinen Archiven eine große Rolle spielen. Beispielhaft dafür ist MIDOSA-Online, eine Software, mit der mit minimalem Personalaufwand und ohne Spezialschulung Findbücher für Präsentationen im Internet hergestellt werden können. Zuletzt wurde im Mai 1999 von hier aus mit DFG-Förderung eine Studienreise einer vierköpfigen Expertengruppe durch verschiedene amerikanische Archive und Universitätsbibliotheken vorbereitet und durchgeführt, die wichtige neue Erkenntnisse zur Archivierung elektronischer Unterlagen und zur Internetpräsentation von Findmitteln und Archivgut erbracht hat. Diese Reise verwies erneut auf die tiefgreifenden Veränderungen des archivischen Berufs durch die Nutzung digitaler Aufzeichnungsformen und vor allem der Internettechnologien.

Das Kolloquium

In weiten Bereichen des täglichen Lebens ist zu beobachten, dass die Digitalisierung der Welt Unsicherheiten schafft. Es entsteht offensichtlich etwas Neues, das schwerlich mit dem bisher gelernten Verhalten beherrschbar ist. Die technische Entwicklung scheint sich immer weiter zu beschleunigen und vor allem ist das Ende dieser Entwicklung immer weniger auszumachen, weil es zunehmend weniger den bekannten und seit langem gewohnten Erfahrungen entspricht.

Es ist eine neue Phase erreicht, die eine Auflösung von Formen und äußeren Grenzen digitaler Aufzeichnungen bewirkt. Das Internet ist nicht mehr nur eine für einige erfreuliche, für andere bedauerliche Randerscheinung. Wie durchaus schon seit mehr als zwanzig Jahren prognostiziert, ist die Technik, die heute das Internet möglich macht und die zunächst als Hypertext in exklusiven Wissenschaftlerkreisen diskutiert wurde, von erstaunlicher Mächtigkeit. Fiel zunächst vor allem auf, dass sie die Linearität des Lesens von Texten aufhebt, so wird inzwischen deutlich, dass sie, wie damals nur vermutet, tatsächlich grundsätzliche Konsequenzen für das Denken und für unsere Vorstellungswelt hat. Die Art, wie wir uns die Realität konstruieren, um gestaltend auf sie einzuwirken, wird bis zu ihren Grundfesten abendländischer Denkweisen umgewandelt. Es wird dabei erkennbar, wie sehr diese Vorstellungen von der westlichen Technik des Schreibens und des Umgangs mit Papier geprägt sind. Sie sind auf Dinge und Artefakte orientiert. Diese Dinge und Artefakte, die verdinglichten Aufzeichnungen, die bisherige Verhaltensweisen prägten, haben in der digitalen Welt keine Funktion mehr. Die neuen Dinge und Artefakte sind die Maschinen, die Bildschirme und Speichermedien. Doch sie halten die Informationen, die ihnen anvertraut werden, nicht fest. Man kann sie nicht in den Aktenschrank stellen und davon ausgehen, dass man sie nur gut ordnen muss, um zu beliebiger Zeit wieder auf diese Aufzeichnungen zugreifen zu können. Die Dinglichkeit der analogen Aufzeichnungen machte sie transportabel und lagerungsfähig, ohne dass man sich dabei über Datenkorruption, elektronische Signaturen, Verschlüsselungen, Migrationen oder Hard- und Software-Obsoleszenz Gedanken machen musste. Andererseits sind sie aber starr, unflexibel und machen jeden Änderungsversuch sichtbar. Sie erfordern eine ausgefeilte Logistik für ihren Transport an andere Orte und sie erfordern spezielle Maßnahmen zum Schutz vor unbeabsichtigten oder beabsichtigten Schädigungen.

Die neuen Erfahrungen mit digitalen Aufzeichnungen relativieren die gewohnten Vorstellungen. Allerdings ist nicht abzusehen, dass die neuen Technologien die alten Denk- und Arbeitsweisen vollständig ablösen und verdrängen werden. Wenn man sich auf sie einlässt, erweitern sie im Gegenteil die Wahlmöglichkeiten. Doch das macht es nicht einfacher. Die vermehrten Wahlmöglichkeiten sind eine wesentliche Ursache für die Unsicherheiten im Umgang mit den neuen Techniken. Dieser Situation kann nicht begegnet werden, indem man versucht, so viel wie nötig, aber so wenig wie möglich damit zu tun zu haben und etwa für eine Institution nur einen E-Mail-Anschluss zuzulassen. Denn auch die Ablehnung elektronischer Kommunikation erscheint nun als wählbar und muss deshalb begründbar sein. Der einzige Weg zu rationalen Entscheidungen führt vor allem über die Sammlung von Erfahrungen und über die genaue Kenntnis der Möglichkeiten.

Digitale Archive, das sind gerade nicht digitalisierte, ursprünglich analoge Archive. Es geht hier nicht um die Digitalisierung von Karteien oder Dokumenten. Es geht vielmehr um die Aufhebung dieser analogen, dinglichen Formen in neuen Konstellationen. Diese neuen Konstellationen. also die Formen der Kommunikation und der kooperativen Aufgabenerledigung standen im Mittelpunkt des Kolloquiums. Die Formen der bisherigen, papierbasierten, analog reproduzierbaren Aufzeichnungen, wie sie seit Jahrhunderten benutzt werden, wurden nicht im voraus konzipiert und geplant und schon gar nicht vorgeschrieben. Briefe, Bücher, Aktenvermerke, Verfügungen haben sich als Strukturformen für Papier herausgebildet, als man sie brauchte. Ähnlich können wir heute feststellen, wie E-Mail-Kommunikation im Gebrauch ihre Formen und ihre Etikette ändert und sich an den Bedarf derjenigen anpasst, die sie verwenden. Dabei gibt es keine AkzeptanzprobJeme. So wie jeder, der einmal E-Mail eingesetzt hat, es nicht wieder missen möchte, so werden weitere Formen elektronischer Instrumente gebraucht, die die Arbeit erleichtern. Diese Erfahrungen zeigen, dass, um Aufzeichnungsformen verstehen zu können, ihre Verwendungszwecke untersucht werden müssen.

Das Kolloquium sollte das Thema der elektronischen Aufzeichnungen grundsätzlicher angehen und nach den Ursachen der vielfach in Archivarskreisen konstatierten Probleme fragen. In den verschiedenen Beiträgen und gerade auch in ihrer Kombination wurden zahlreiche Anregungen gegeben. Umfassende Lösungen für das digitale Archiv sind noch nicht oder vielleicht gar nicht mehr möglich. Doch können auf der Grundlage der hier zusammengestellten Beiträge die archivischen Fragen präziser formuliert werden.

VÖ 31
8 Artikel

Technische Daten

ISBN
978-3-923833-62-7
Erscheinungsjahr
2000
Sprache
Deutsch
Auflage
1.
Seiten
325
Maße und Gewicht: (BxHxT)
148 x 210 x 17 mm; 421g